CORRODED @ HKF2014

CORRODED – muss man live erleben!

So etwas gibt es wahrscheinlich nur in Schweden: Aus einem 3000-Seelen-Ort stammt eine der angesagten Heavy Rock-Bands des Landes. Aber obwohl alle drei bisherigen Alben von Corroded die Top 10 der heimischen Charts erreichten, bleibt Sänger und Gitarrist Jens Westin bescheiden. „Wenn mich jemand in einer Bar anspricht und nach meinem Beruf fragt, antworte ich meistens: eine Art professioneller Musiker.“

In ihrem Heimatort Änge kommt so etwas nicht häufig vor, denn dort, im geographischen Mittelpunkt Schwedens, sind die vier Mitglieder von Corroded weder bunte Paradiesvögel noch Superstars – sie sind einfach Einwohner eines gemütlichen kleinen Dorfes. Auf der einen Seite erdet sie diese Tatsache, auf der anderen klingt deshalb ihre Musik auch nach Aufbruch. Denn Corroded wollen etwas erreichen. Mit ihren bescheidenen Mitteln, wie Westin erneut betont: „Natürlich erfinden auch wir das Rad des Rocks nicht neu, aber wir versuchen, gute Songs zu schreiben, die uns und auch anderen gefallen.“

Musikalisch verwurzelt sind die Vier in den Siebzigern, als der Heavy Rock von Bands wie Black Sabbath erfunden wurde. Dazu gesellt sich aber auch eine Affinität für modernere Sounds. Soundgarden aus Seattle zum Beispiel haben bei allen in den Neunzigern einen tiefen und prägenden Eindruck hinterlassen. „Wir versuchen, das Beste aus Alt und Neu zusammenzubringen“, beschreibt Westin den Sound seiner Band. „Wenn man so will, prallen bei Corroded Metal und Melodie aufeinander.“ Dass der Name für diesen ‚Versuch‘ nicht treffender hätte ausgesucht werden können, liegt auf den Hand (corroded = zersetzt, korrodiert).

 

Originalität scheint Skandinaviern generell im Blut zu liegen. Popkulturell haben die Nordeuropäer immer schon das Bindeglied zwischen England und den USA gebildet. Ob es daran liegt, dass es im dortigen TV, im Gegensatz zu den meisten anderen europäischen Ländern, kaum synchronisierte Filme und Serien gibt? Und so die englische Sprache und Musik ein wichtiger Bestandteil des täglichen Lebens ist?

Als Corroded 2004 von Westin, seinem Cousin Fredrik Westin (g), Peter Sjödin (g) und den beiden Brüdern Niklas (b) und Martin Källström (dr) gegründet werden, kommt jedenfalls nichts anderes als Heavy Rock angloamerikanischer Prägung in Frage. Wo sich Disturbed durch ihren eigenen Stil selbst reglementieren und oft wiederholen, Machine Head manchmal zu sehr auf die Instrumentierung statt auf die Songs konzentrieren und Black Label Society eine One-Man-Show sind, da finden sie die Lücke: Heavy Rock mit ausgeprägtem Sinn für Melodien, die aber niemals ins Poppige abdriften.

 

Nach der Umbesetzung der Rhythmussektion (Bjarne Elvsgård am Bass und Drummer Per Soläng steigen 2008 ein) buchen Corroded auf eigene Faust eine England-Tour, die die neue Formation endgültig zusammenschweißt. Dann gelingt Corroded schon mit ihrem Debütalbum „Eleven Shades Of Grey“ der große Wurf: Die Single „Time And Again“ wird 2009 zum Titelsong der TV-Realityshow „Survivor“ (in Schweden: „Expedition Robinson“) erkoren und macht die Band über Nacht in ganz Schweden bekannt. Resultat: Das Album steigt bis auf Platz 2 der schwedischen Charts. Produzent Patrik Frisk, gleichzeitig ihr Plattenboss, wird zum Mentor, der sie bis heute in allen Belangen berät und begleitet. „Er ist unser sechstes Bandmitglied und hat denselben Musikgeschmack wie wir“, erklärt Westin. „Exit To Transfer“ Album Nummer Zwei wird ein ähnlicher Erfolg: Platz 6 der Charts.

Eine ausverkaufte Skandinavien-Tour mit den US-Melodic Metallern Avenged Sevenfold im Herbst 2010 und zwei Auftritte während der ‚Popkomm‘ in Berlin tragen dazu bei, dass Corroded auch außerhalb ihrer Heimat bekannt werden.

Entscheidend aber ist ihr Beitrag zum Computerspiel ‚Battlefield‘: Mit dem Song „Age Of Rage“ geht für Westin ein Traum in Erfüllung, denn er ist selbst begeisterter Verfechter des Spiels und muss sich nicht großartig anstrengen, um das Stück zu schreiben, das Corroded in Millionen Haushalte weltweit transportiert.

 

Trotz der Erfolge steigt Gitarrist Fredrik Westin danach aus privaten Gründen aus, bleibt der Band aber weiter als Texter erhalten. Tommy Rehn springt für ihn im Studio ein. Mit dieser Besetzung gehen sie ihr drittes Album „State Of Disgrace“ an, das im Herbst 2012 ebenfalls wieder auf Platz 2 der schwedischen Charts steigt, aber vorerst nur in den heimatlichen Gefilden veröffentlicht wird. Das ändert sich nun endlich, Corroded sind bereit für Europa.

Denn „State Of Disgrace“ ist ein in sich geschlossenes Meisterwerk melodischen Heavy Rocks: Das Cover, ein Bild einer verlassenen und langsam verfallenden Mine, aufgenommen in Argentinien, passt perfekt zum Namen des Albums. Auch die dynamische Produktion und die mitreißenden Songs, in denen Westin seine Meinungen zum alltäglichen Überlebenskampf inbrünstig zum Besten gibt, überzeugen. Und obwohl der Mann manchmal den Eindruck erweckt, er habe zwei verschiedene Stimmen zur Verfügung, wäre es beinah nicht so weit gekommen: „Ich hatte vor Corroded zehn Jahre lang nicht gesungen, weil ich von meiner Stimme nicht viel gehalten habe, dann haben mich die anderen gezwungen“, lacht er.

„State Of Disgrace“ klingt allerdings alles als andere als gezwungen. Mit dem klassischen Gitarren-Intro „Oderint Dum Metuant“ beginnt eine Tour de Force durch alle Sparten modernen Heavy Rocks: „Let Them Hate As Long As They Fear“ (englisch für den lateinischen Intro-Titel) pendelt mit seinen Judas Priest-Leads und dem Gut-Böse-Text genauso zwischen Disturbed und Black Label Society wie Westin zwischen David Draiman und Zakk Wylde. „More Than You Can Chew“ ist ein groovender Hardrocker mit dem ersten dieser unglaublich einprägenden Refrains, der dem textlichen Thema Außenseiter sehr nahe kommt. Und diese Mischung muss stimmen, sonst verliert das komplette Gebilde seine Berechtigung, so Westin. „Die Texte beschäftigen sich deswegen oft mit früheren, beinah biblischen Zeiten, als Konflikte noch mit Gewalt ausgetragen wurden, weil es erstens hervorragend zur Musik passt und zweitens manchmal auch aktuellen Bezug hat.“

Das schnelle „I Will Not“ zum Beispiel ist wie das von Westin und Tommy Rehn gesungene Industrial Metal-Stück „As I Am“ mit seinem Rammstein-Pantera-Riffing eine Hymne an die Individualität, die laut Westin heutzutage oft zu kurz kommt. In „Uncommon Sense“, mit ähnlichem Textthema, kommt sogar eine Sitar zum Einsatz, während „Beautiful Revolution“ das Gefühl beschreibt, wenn man nach einer Partynacht unsortiert vor dem Spiegel steht, aber ohne sich zu schämen. Eines der Meisterstücke des Albums ist zweifelsohne „I Am The God“: Westin singt nicht nur den Chorus des Heavy Rockers voller Hingabe, das komplette Stück atmet Authentizität. Dagegen ist „Believe In Me“ ein Paradebeispiel dafür, wie man trotz melodischer Backing Vocals und zuckersüßem Refrain ein schwermetallisches Kunstwerk erschaffen kann, „Clean My Wounds“ hingegen eine Verbeugung vor AC/DC. Dass das textlich sehr unheimliche „Dirt“ Richtung Black Sabbath tendiert, die plötzlich Alice In Chains entdeckt haben, dürfte ebenso kein Zufall sein wie die Tatsache, dass mit „Stop Me From Screaming“ der melodischste Disturbed-Song das Album beendet, den die zurzeit auf Eis liegenden Chicagoer Metaller nie geschrieben haben.

Man sieht: Corroded schaffen den perfekten Spagat zwischen klassischen und modernen Einflüssen, sie haben mit gleich drei Gitarristen ein außergewöhnliches Merkmal und mit Jens Westin einen Sänger, der jede Zeile seiner Texte lebt. Besser geht es nicht. Und das sollte auch die europäische Rock- und Metal-Gemeinde bald erkennen.

Oder wie Westin bescheiden sagt: „Wir lieben es zu touren. Es wäre toll, wenn wir in diesem Sommer große Festivals in Europa spielen könnten, damit die Leute uns kennenlernen. Bis jetzt sind nämlich alle immer wieder gekommen. Sein Geld wollte niemand zurück.“

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